Tüßling muss mit Hochwasserrisiko leben

Veröffentlicht am 08.05.2013 in Kommunalpolitik

Der Steinersaal war bis auf die hintersten Plätze gefüllt, über 150 Interessierte waren gekommen zur Informations-veranstaltung der Tüßlinger SPD und hatten viele Fragen zur Hochwassergefahr mitgebracht, von der im Ort nicht jeder überzeugt ist. Viele Tüßlinger können nicht verstehen, dass große Teile des Marktes in der Überschwemmungszone liegen und außerdem in der so genannten ZÜRS-Zone 4, der Hochrisikozone der Versicherungswirtschaft, in der Gebäudeversicherung schwierig oder nahezu unmöglich ist. Die Tüßlinger SPD hatte daher mit Josef Mayereder vom Landratsamt Altötting sowie Dr. Wolfgang Kron von Munich Re zwei Experten aufgeboten, und die beiden konnten im Laufe der zweieinhalb Stunden nahezu alle Fragen beantworten.

Zunächst wartete der Hochwasserexperte des weltgrößten Rückversicherers mit einer klaren Botschaft auf: Auch wenn sich selbst ältere Tüßlinger an kein katastrophales Hochwasser erinnern können: es sei ohne Zweifel möglich, dass das Gebiet des Marktes großflächig unter Wasser stehe. Das könne bei einem Winterhochwasser geschehen bei anhaltendem Regen, gefrorenem Boden und Schneeschmelze sowie bei einer so genannten Sturzflut im Sommer. Dabei handelt es sich um überraschende, lokal begrenzte aber extrem starke Niederschläge, die wesentlich mehr Wasser bringen, als die Gewässer und der Boden aufnehmen können. Diese Art der Gefährdung werde generell unterschätzt, sagte Dr. Kron und zeigte anhand von zum Teil drastischen Fotos Beispiele solcher Sturzfluten, die immer wieder ganze Orte unter Wasser setzen und schnell Schäden im zweistelligen Millionenbereich verursachen können. Munich Re untersucht seit über 40 Jahren die Entwicklung von Naturkatastrophen und erfasst weltweit Schadensereignisse. Die Trends, die der Konzern aus seiner inzwischen weltgrößten Datenbank ihrer Art gewinnt, sind nach den Worten von Dr. Kron eindeutig: „Die Zahl der wetterbedingten Naturkatastrophen, unter ihnen Hochwasser und Sturzfluten, nimmt weltweit und auch in Deutschland seit drei Jahrzehnten massiv zu. Wir beobachten auch eine starke Zunahme von Hochwasserschäden“, sagte Dr. Kron. „Daher ist es grundsätzlich vernünftig, dass sich exponierte Gebiete gegen die wachsende Gefahr wappnen.“ Der Klimawandel verstärkt die Gefahr: wenn die Modelle zutreffen, wird die Niederschlagsmenge nördlich der Alpen im Sommer zwar abnehmen, sich aber auf weniger Tage verteilen. Die Wassermenge je Wolkenbruch steigt also. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung, die Bebauung nimmt zu, und die Werte steigen und somit in Summe das Risiko, das immer eine Funktion aus Eintrittswahrscheinlichkeit, exponierten Werten und deren Anfälligkeit ist. Dr. Kron: „Das Problem besteht darin, dass wir zunehmend dort siedeln, wo eigentlich Raum für das Gewässer bleiben sollte.“ Dieses „dort“ meint in Tüßling etwa drei Viertel des Marktgebietes, die Fläche, die in den letzten Jahren aufgrund von hydrologischen Untersuchungen des Landesamts für Umwelt sowie des Wasserwirtschaftsamts zum möglichen Überschwemmungsgebiet für ein hundertjährliches Hochwasser erklärt wurde – also einem Extremereignis, das statistisch einmal in 100 Jahren vorkommt. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit dafür pro Jahr 1% beträgt. Josef Mayereder, der im Landratsamt fachlich für die Umsetzung der im Wasserhaushaltsgesetz für solche Zonen geforderten Maßnahmen zuständig ist, machte klar, dass seine Behörde im letzten Oktober automatisch die so genannte vorläufige Sicherung anordnen habe müssen. Das bedeutet zum einen eine generelle Überprüfungspflicht für Heizungsanlagen in Kellern für sämtliche Gebäude in der Überschwemmungszone, zum anderen eine wasserrechtliche Genehmigungspflicht für alle Neubauten in diesem Gebiet. Voraussetzung für eine solche Genehmigung ist zum einen, dass neue Gebäude so gebaut werden, dass sie von einem hundertjährlichen Hochwasser nicht überschwemmt werden können. Zum anderen müssen Bauherren Ausgleich für den durch ihr Haus verdrängten Raum schaffen. Mayereder plädierte hier für einen durch die Gemeinde organisierten Pool, also eine große Ausgleichsfläche anstatt vieler kleiner, in die sich Bauherren einkaufen können. Bürgermeister Heinrich Hollinger signalisierte Bereitschaft der Gemeinde und kündigte eine Initiative dazu im Gemeinderat an. Er wies in seinem Vortrag aber darauf hin, dass sich die Annahmen über ein hundertjährliches Hochwasser in Tüßling seit 2006, als das Thema Hochwasser zum ersten Mal diskutiert wurde, stark verändert hätten. Ursprünglich waren die Gutachten von einem Wasserstrom im Maximum von maximal 72 m³ pro Sekunde ausgegangen; jetzt liegt man bei 24 m³. Neben der Wassermenge geht es um die Verteilung des Wassers aufgrund der Topografie. Dazu hatte das Wasserwirtschaftsamt umfangreiche Überflüge mit Höhenscannern durchgeführt – deren Ergebnis ist die bekannte und vielfach kritisierte Landkarte, die einen großen Teil des Marktes zum (vermuteten) Überschwemmungsbereich erklärt. Dr. Kron bestätigte die grundsätzliche methodische Schwierigkeit solcher Gutachten für kleine Räume, für die es nicht ausreichend historische Wasserstandsdaten gebe. Hier sei man auf Modelle angewiesen und damit letztendlich auf ein Bündel von Annahmen. Werde nur ein Parameter geändert, ändere sich das Ergebnis oft erheblich. Das gelte insbesondere, wenn die Überschwemmung zwar großflächig, in der Höhe aber recht gering sei. In Tüßling sind es beim hundertjährlichen Extremereignis 10 bis 20 Zentimeter. Daher hatte die Gemeinde ein Gegengutachten in Auftrag gegeben beim renommierten Wiener Hydrologen Prof. Dr. Helmut Habersack. Vergangene Woche hat dieser verschiedene Kritikpunkte an der bisherigen Berechnung vorgestellt. „Vor allem geht es um die Höhe der vermuteten Niederschlagsmengen, die konkreten Geländehöhen und die Notwendigkeit der geplanten Schutzmaßnahmen im Mörntal oberhalb von Tüßling, die bisher mit einem Aufwand von rund 14 Millionen € geplant sind“, sagte Hollinger. Diese massiven Eingriffe in die Landschaft durch Dämme und Rückhaltebecken würden die Tüßlinger zusätzlich belasten, da ein Großteil der Kosten von der Gemeinde nicht zu finanzieren wäre und auf die Bürger umgelegt werden müsste. Bei diesen Maßnahmen meldete Hollinger erhebliche Zweifel an. In der anderthalbstündigen Diskussion, die von Gerd Henghuber moderiert wurde, ging es vielfach um konkrete geplante oder bereits abgeschlossene Bauvorhaben im Überschwemmungsgebiet und die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen. Hier bot sich Josef Mayereder vom Landratsamt betroffenen Hausbesitzern als Ansprechpartner und Ratgeber an. Es wurde klar, dass zwar aufgrund des Gegengutachtens einzelne Grundstücke aus dem Gefahrenbereich wieder herausfallen können, dass sich an der grundsätzlichen Risikosituation in Tüßling aber nichts mehr ändern wird. Tüßling wird damit leben müssen – ob das Jahrhundertereignis nun in diesem Sommer schon kommt oder erst in 200 Jahren. (gh)

 

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