Geschichte

Seit etwa 90 Jahren Sozialdemokraten in Tüßling


Johann Meindl (vorne links) mit Familie

Von Rudolf Roßgotterer

Leider konnte bisher kein genaues Gründungsdatum des Tüßlinger Ortsvereins der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) ermittelt werden. Obzwar schon im 19. Jahrhundert ein katholischer Arbeiterverein existierte (Gründung 12. 7. 1896, Fahnenweihe 30. 5. 1898, heute: Kath. Arbeitnehmer- Bewegung, KAB), ist von einer politischen Organisation der Tüßlinger Arbeiterschaft erst nach dem ersten Weltkrieg die Rede.

Am 29. Dezember 1920 kauft der Fabrikarbeiter Johann Meindl aus Wald an der Alz für 20 000 Mark in Tüßling das Haus Nr. 65 (heute: Bachstraße 12). Kurz darauf, nämlich am 12. Februar 1921 heiratet er Anna Aigner. Wohl noch im selben oder in einem der folgenden Jahren gründet er nach lokaler Überlieferung einen Tüßlinger Ortsverein der SPD.

Mindestens ab dem Jahr 1924 ist der Vorstand der Ortsgruppe dann der Schuhmacher und Hausbesitzer Michael Binder. Er war Nachbar von Meindl und wohnte im Haus Nr. 64 (heute: Bachstraße 10). Am 15. Oktober dieses Jahres nämlich traten Binder, Schmitzberger und weitere namentlich nicht bekannte SPD-Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Markt Tüßling (FFW) bei, nachdem von der Feuerwehr eine Sammlung zur Unterstützung für den erkrankten Tüßlinger Genossen Eduard Peterhans die schöne Summe von 32 Reichsmark erbrachte. Wie in den Chroniken der FFW weiters eigens vermerkt wird, waren diese SPD-Mitglieder als Feuerwehrmänner immer sehr aktiv und zuverlässig!

Es ist überliefert, daß der Widerstand der SPD-Ortsgruppe gegen die sich in unserem Markt bald etablierenden Nationalsozialisten ausserordentlich heftig war; eine Haltung, die Meindl und andere auch nach der Machtergreifung der Nazis in der Illegalität beibehielten und die diese oft der Gefahr der Verhaftung aussetzte.

Erst nach dem Zusammenbruch des verbrecherischen Naziregimes kommt es dann zu einer weiteren erfolgreichen öffentlichen Arbeit der SPD in Tüßling. Und auch hier ist Johann Meindl wieder die engagierteste politische Persönlichkeit. Im ersten Tüßlinger Gemeinderat vertritt er als (einziges?) SPD-Mitglied die Interessen der „kleinen Leute“, wie er sich selbst gerne ausdrückte. Ganz entschieden wendet er sich etwa gegen die nach seiner Meinung zu hohen Kosten einer zentralen Trinkwasserversorgung die er damals auf jeden einzelnen Tüßlinger Bürger zukommen sah. Wegen der Typhus-Epidemie in den Jahren 1948/49, die man auf die bis dahin bestehenden, nicht ausreichend hygienischen Anlagen zurückführte, sollte die Trinkwasserversorgung gänzlich neu installiert werden. Der Widerstand Meindls scheiterte und die Anlage wurde gebaut. Obwohl sich Meindl daraufhin enttäuscht aus der aktiven Politik zurückzog, unterstützte er weiterhin die Arbeit der SPD.

Es kam nun zu einer Reihe von Aktivitäten des Ortsvereins, die letztendlich 1961 zur Wahl von Hans Krämer zum Bürgermeister führten. Nach seinem aus gesundheitlichen Gründen bedingten Ausscheiden aus der aktiven Politik ging 1990 nach einem auf allen Seiten leidenschaftlich geführten lokalpolitischen Wahlkampf unser jetziger Bürgermeister Heinrich Hollinger als Sieger hervor. Wie Krämer, so hatte auch Hollinger stets kräftige Unterstützung von Frauen und Männern der SPD im Gemeinderat, die wissen worauf es ankommt.

 

Der Sozialdemokrat Michael Binder: Der letzte aus Tüßling stammende Abgeordnete

Von Hannes Roth

Das 20. Jahrhundert brachte nochmals einen gewaltigen Änderungsschub. Zum einen endete 1918 die 738 Jahre währende Herrschaft der Wittelsbacher. Wie überall in Deutschland so stürzte auch in Bayern die Monarchie. Unser Land wurde ein Freistaat – eine parlamentarische Republik - mit allgemeinem, gleichem, unmittelbarem und geheimem Wahlrecht. Doch den Deutschen fehlte eine parlamentarische Tradition; zu sehr war man noch dem obrigkeitsstaatlichen Denken der Kaiserzeit verhaftet und nicht bereit, für die junge Republik Partei zu ergreifen.

Zum anderen kam nach Kriegsende in den Zwanziger Jahren die Industrialisierung oder zumindest deren Auswirkungen auch in unsere Region. Burghausen, Töging am Inn oder Garching an der Alz wären hier als Beispiele zu nennen. Mit einher ging eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur und der ländliche, von der Landwirtschaft dominierte Charakter begann sich durch den Zuzug von Industriearbeitern zu wandeln.

Doch nun wieder zurück zur Politik. Hier drehte sich nach dem Ersten Weltkrieg nahezu alles um Versailles und eine vermeintlich daraus resultierende Verarmung und Ausbeutung des deutschen Volkes. Für Bayern bedeutete dies, dass innerbayerische Belange zurücktraten und (inner)deutsche Politik mit Kampf um die Staatsform, Inflation und Arbeitslosigkeit – auch für die bayerischen Politiker - Vorrang erhielt. In einem Ort von der Größe Tüßlings mit knapp 1000 Einwohnern war man jetzt wohl eher mit dem täglichen Überleben beschäftigt und kaum einer dachte an eine politische Karriere. Dafür gewannen bald selbsternannte "Berufspolitiker" vom Typ eines Adolf Hitler Oberwasser. Mit ihren populistischen, volksverhetzenden Parolen wurden sie nicht nur zu Totengräbern des deutschen Parlamentarismus sondern stürzten die ganze Welt in den Abgrund.

Doch auch nach der Katastrophe des Dritten Reiches und der des Zweiten Weltkriegs entstand in Bayern – nicht zuletzt unter tatkräftiger Mithilfe der westlichen Siegerstaaten - wieder ein demokratisches Leben. Und noch einmal gelang es mit Michael Binder einem geborenen Tüßlinger, einen Sitz im bayerischen Landtag zu erringen. Er ist auch gleichzeitig der erste "echte" Tüßlinger Volksvertreter in einem Parlament, dessen Repräsentanten tatsächlich das politische Geschehen mitgestalten können.

Michael Binder wurde am 29. Juli 1920 in der Marktgemeinde geboren wo seine Eltern – sie waren wohl Arbeiter – in der Altöttinger Straße wohnten. Allerdings zog er bereits mit 12 Jahren nach Mühldorf, das dann seine eigentliche Heimat wurde ohne jedoch seine Beziehungen zu Tüßling ganz aufzugeben. 1970 schaffte er - über die Landesliste der SPD - für den Wahlkreis Mühldorf den Einzug in den Bayerischen Landtag.
Dabei war ihm eine solche Karriere keineswegs in die Wiege gelegt. Aber mit viel Fleiß und großem politischen Interesse, das mit Engagement für die Belange der kleinen Leute und allseitiger Anerkennung verbunden war, konnte er dieses Ziel erreichen. Nach dem Schulabschluss begann er zunächst eine Schlosser- und Schweißerlehre und trat dann als Elektriker in die Wacker-Chemie in Burghausen ein.

Noch vor seiner Einberufung zur Wehrmacht hatte er sich beim Innwerk in Töging soweit fortgebildet, dass er in München mit dem Studium der Starkstrom-Technik beginnen konnte. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durchkreuzte jedoch zunächst einmal seine beruflichen Pläne.. Es folgten fünf Kriegsjahre als Infanterist, vorzugsweise an der Ostfront, der Erwerb des Offizierspatents 1942 sowie drei Verwundungen . Nach der Rückkehr aus dem Krieg setze Binder 1946 sein Studium am Polytechnikum in München fort und trat dann nach erfolgreichem Abschluss bei den Stadtwerken Mühldorf in den Dienst, dessen Leiter er 1948 wurde. Und schon sehr bald zeigte sich sein Engagement für die Bürger seiner Heimatstadt. Wie der erst kürzlich verstorbene Künstler und Chronist der Mühldorfer Nachkriegsgeschichte, Hans Prähofer (+ 7. 11. 2005) zu berichten weiß, plädierte bereits am 20. Mai 1948 "Ingenieur Michael Binder, der junge Leiter der Stadtwerke, für ein Projekt, das auf weite Sicht Mühldorfs Stromversorgung stabilisieren soll. Er bewegt den Stadtrat, die projektierte Ausbaggerung des Speicherweihers bei Enhofen und Verbesserungen der Anlagen des Isenkraftwerkes in Angriff zu nehmen."

Binder ist also zu einem großen Teil der Wiederaufbau des Versorgungsnetzes in Mühldorf zu verdanken. Und mehr noch: 1952 erregte er gar bundesweit Aufsehen, als er als Leiter der Stadtwerke die erste Rundsteueranlage bei der Beleuchtung der Straßenlaternen und bei der Alarmierung der Polizei und der Feuerwehr ins Leben rief. Er verstand es stets, berufliche Aufgaben, seinen Einsatz für die bürgerlichen Belange und sein Interesse an der Politik zu verbinden, so dass sein Mitwirken bei verschiedenen lokalen wie auch überregionalen Institutionen, Verbänden und Vereinen sowie schließlich auch in der Stadt- und Kreispolitik nur konsequent scheint. Bereits 1955 wird Michael Binder Vorstandsmitglied des Verbandes Kommunaler Unternehmen und ab 1960 ist er im Vorstand des Verbandes Bayerischer Elektrizitätswerke tätig und in verschiedenen anderen Fachausschüssen zu finden. 1962 übernahm er zusätzlich die Geschäftsführung der Energie-Versorgung Inn/Salzach GmbH (EVIS) , dem bis heute wichtigsten Gasversorger unserer Region. Auch hier hat er frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und sich um die Versorgung Mühldorfs sowie der ganzen Region mit Erdgas bemüht.

Der Einstieg in die Politik erfolgte 1966. Jetzt begann seine 18-jährige Tätigkeit als Mühldorfer Stadtrat sowie als Kreisrat des Landkreises Mühldorf , wo er lange Jahre den Fraktionsvorsitz der SPD innehatte. Höhepunkt seiner politischen Karriere war wohl sein Einzug in den Bayerischen Landtag im Jahr 1970. Er erreichte dieses Mandat über die Landesliste seiner Partei. Binders parteipolitisches Engagement erfuhr dadurch eine verdiente Würdigung. Im 7. Bayerischen Landtag war er Mitglied im sog. Zwischenausschuss sowie im Ausschuss für Wirtschaft und Verkehr. Im letzen Jahr dieser Legislaturperiode – also 1974 - gehörte er zudem dem Energiebeirat beim bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr an und war "Energiepolitischer Sprecher" der SPD-Fraktion .
Sein offizieller Rückzug aus der aktiven Politik, etwa ab 1984 bedeutetet keineswegs einen Rückzug aus dem öffentlichen Leben Mühldorfs. Sein sozialer Einsatz vor allem für die Arbeiterwohlfahrt blieb nach wie vor bestehen. Vor allem sein Eintreten für das "Haus der Begegnung" auf der Wies hat ihn als "Millionenbettler" für die Mühldorfer Ortsgeschichte unsterblich gemacht. Ebenso groß waren seine Verdienste aber auch für den Erhalt alter Bausubstanz in Mühldorf. Noch in seiner Zeit als Stadtwerkeleiter erkannte er bereits die historische Bedeutung des Haberkastens, der damals Büro und Lagerstatt der Stadtwerke war und ließ die Bausubstanz des alten Gebäudes unangetastet. Heute besitzt die Stadt Mühldorf dank Binders Weitsicht mit dem fachgerecht sanierten Haberkasten nicht nur ein modernes Kultur- und Begegnungszentrum sondern auch ein historisches Bauwerk von höchster Qualität. Verbunden bis zuletzt blieb Michael Binder auch der SPD und nahm an wichtigen Veranstaltungen teil. Noch einen Tag vor seinem plötzlichen Tod am 3. März 2002 – dem Tag der Kommunalwahlen in Bayern – stattete er den Wahlkämpfern seiner Partei auf dem Mühldorfer Stadtplatz einen Besuch ab .

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